Kopf hoch 10. Clemens Mayer in München.

Heute habe ich Kopf. Nein, keine schlämmerhaften Kopfbeschwerden sind gemeint. Ich bin bei einem Seminar, welches kein Geringerer leitet als der Mann mit dem besten Gedächtnis der Welt (FAZ), also der Gedächtnisweltmeister, ein Welt-Gedächtnis im Dittsche-Sinn, Clemens Mayer. Rein aus der Ankündigung heraus soll dieser alle seine Tricks verraten, mit denen man sich beispielsweise besser daran erinnert was man gerade noch als nächstes spannendes Sagen oder sinniges Schreiben wollte. Ähh… Leere. Dunkel im Schacht. Nein, doch: Das Publikum der Veranstaltung. Darüber wollte ich sinnierend Schreiben oder schreibend Sinnieren.

Ich kann natürlich nicht den gesamten “Seminar”inhalt verraten, aber kurz gesagt geht es darum, Kino im Kopf zu machen. Zahlen, Personen, Ereignisse werden mit bestimmten Wörtern verbunden und daraus im Anschluß eine Geschichte entwickelt, an die man sich zu erinnern sucht und dann über die Stichworte auf die verknüpften Ereignisse, Personen, Zahlen zurückschließt. Das Publikum wurde herzlich eingeladen, sich bei der Geschichtenentwicklung einzubringen.

Der durchschnittliche deutsche Rentner liebt es, sich bei Geschichtenentwicklungen einzubringen. Und der deutsche Rentner scheint entweder Dienstags Abends nichts besseres zu tun zu haben oder ist einfach sehr interessiert an Seminaren zum Thema. Jedenfalls läßt sich auf den ersten Blick nicht unterscheiden, ob es sich sich beim Herumblicken um einen Musikantenstadl Kameraschwenk durch die Reihen der Friedrichshafener Stadthalle handelt oder das Münchner Gasteig. Gut gefällt mir meine erste Beobachtung, die vermutlich jedem Autor die Tränen in die Augen treibt: Solche Gäste einer Lesung, die schon vor der Lesung das Buch des Autors kaufen. Direkt dahinter rangieren vermutlich Studienräte, die in der ersten Reihe sitzen und drauf und dran sind eine Moderationshaverie durchzuführen und zu diesem Zweck regelmäßig auf die Bühne stürmen um Beispiele auf den Flipchart zu malen und dabei aus alten Zeiten erzählen - und überhaupt, mein junger Mann, ist das ja alles altes Zeug: “Ich habe 1947 begonnen alle Namen auf Karteikarten zu notieren.” Wow! Noch so einen und es gibt nen Platzverweis von der mehr als 7 Euro zahlenden Haupttribüne!

Als schönstes Bild des Abends bleibt mir folgende Geschichte in lebendiger Erinnerung: Das Mädchen mit dem Rucksack auf dem Rücken trinkt zwei Cocktails, geht aufs Klo und kommt mit einem Schatz wieder.

Das ist der Stoff aus dem weltmeisterliche Geschichten gewebt sind, die Handynummern erinnern lassen. Scheiß auf Karteikarten!

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