
Meine Eintrittskarte hatte mich ja bereits vorbereitend darauf hingewiesen, dass im Zenith unbestuhlt veranstaltet würde. Das ich nur wenige Tage nach dem Bayern Malheur in Petersburg an einen solchen Ort gehen würde, der Zenith heißt, läßt sich möglicherweise noch erklären. Das ich allerdings hinter einem pommesschrankefarbenen Absperrband traurige zwanzig Meter vor der Bühne zum Stehen kommen mußte, obwohl noch ausreichend Platz direkt vor der Bühne war, finde ich wirklich erklärungsbedürftig, für ein Rockkonzert.
30 Seconds to Mars werden stimmlich von dem charismatischen Sänger Jared Leto begleitet. Und das ist wohl die Untertreibung des Jahres, denn der smarte und - das muß Mann zugeben - nicht übel ausschauende Actor, der in American Psycho und Fight Club spielte, ist die Band. Entsprechend lag der Frauenanteil am Gesamtbesuch bei wahrgenommenen 90%. Wie hoch der Schmachtanteil lag, vermag ich nur zu erahnen. Ich würde ihn auf einen 3-stelligen Prozent-Bereich justieren. Auch der Kreischanteil war bemerkenswert Boy-Group tauglich einzuschätzen.
Der wohl einzige Mann außer mir war der Mann mit dem Silberkoffer. Voll tätowiert pendelte er unentwegt in Unterhemd und mit halbgetönter Sonnenbrille (München gefiel tagsüber durch herrliches Sonnenscheinwetter) zwischen Backstagebereich und den ersten Reihen hin und fort, was ich ja bestens aufgrund meiner tollen Position direkt hinter der Absperrung beobachten konnte. Es war kein Gitarrenkoffer wie ihn Antonio Banderas in Tarantinos Dusk till Down bei sich trug. Es war mehr so ein Lufthansa Alu-Reiseköfferchen. Vielleicht war der Herr einfach von der Maske. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall erscheint es mir irgendwie umständlich sich mit einem Koffer auf einem Rockkonzert die Zeit zu vertreiben. Gut, muss er aber selber wissen. Ausreichend Platz für das Tragen eines Koffers als Accessoire war ja zwischen Absperrung und Bühne vorhanden.
In amüsierender Erinnerung geblieben sind mir während der einstündigen Wartezeit zwischen Support und Hauptact, die beiden VIP-Tussis, die stolz wie Oskar dem Ordner ihren Backstage Paß zeigten und darufhin zu den vermeintlich besten Plätzen seitlich der Bühne geführt wurden. Jetzt stellte sich aber raus, dass die beiden Grazien dort ziemlich abseits im Dunklen standen und sich keine Sau für sie interessierte. Auch das Jared hier auf dem Weg zum Podest kurz Halt machen und Bussi links, Bussi rechts, auf ein kurzes “Hallo, wir sehen uns im Hotel” halt machen würde, schien nach einer kurzen Sondierungsphase nicht wirklich im Bereich des Wahrscheinlichen.
Also kamen die Beiden wieder aus dem VIP-Bereich zurück, am Ordner vorbei, und - na klar - direkt vor mir, inklusive ihrer Hochhackigen, zum Stehen. Sie standen jetzt also vor mir, jenseits der Absperrung. Ich, weiterhin diesseits unbestuhlt positioniert, und das, obwohl die Damen deutlich nach mir eintrafen. Ich weise den Ordner auf dieses offensichtliche Versehen und die missliche Lage hin, dem ist das aber irgendwie aufreizend egal, als dann auch schon das Konzert los geht und die Beiden um die Wette kreischen, als wären sie Jared Leto höchstselbst. Ich bin jetzt irgendwie doch froh, dass uns eine Absperrung trennt. Irgendwie hoffe ich auch noch insgeheim, dass der Silberkoffermann doch einen identischen Inhalt beherbergt, wie Antonio Banderas Gitarrenkoffer. Man weiß nie, ob einem Silberkoffermann so ein Kreischen so uneingeschränkt gefällt. Meine Chancen auf eine freie Sicht würde der Wunsch freilich erhöhen.
admin :: Mai.07.2008 ::
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